Ahmad Mohammed: Die Geschichte eines Flüchtlings

 

Zusätzlich zu dem Fragebogen, wollte uns Ahmad eine spezielle Geschichte, die während seiner Flucht passierte, erzählen:

Die Geschichte eines Flüchtlings

Das Verlassen unserer Heimat nachdem wir erlebt hatten, wie diese völlig zerstört wurde, war niemals das einzige Problem, was wir Flüchtlinge erlebten.

Die höchste Form von Leiden und Schmerzen erlebten wir, als wir in einem Land ankamen, das nicht das geringste von Menschlichkeit oder Barmherzigkeit versteht. Seine einzige wahre Religion ist das Geld.

In der Türkei verbrauche ich ein ganzes Jahr als Hilfsarbeiter, obwohl ich in Syrien studiert hatte und Ingenieur geworden war. Das kostete mich eine große Menge meiner Menschlichkeit und es war genug, mich zu überzeugen, dass ich besser dran gewesen wäre, wenn ich auf einem von den Booten mit den Toten wäre… Und so machte ich mich auf nach Azmeer. In einem großen Hof drängten sie sich um mich herum, als ob ich eine große Tasche voll mit Bargeld sei. Jeder von ihnen versuchte mich zu überzeugen, dass ich ihm das Geld geben sollte, um auf sein Boot zu kommen, bis einer mich schließlich überzeugte und ich bezahlte.

In derselben Nacht brachten sie uns zu einem großen Loch im Boden, in dem bereits hundert syrische Flüchtlinge darauf warteten, dass die erforderliche Zahl erreicht würde. Was mich aber am meisten verletzte, war, als ich diesen einen kleinen Jungen sah, es waren noch nicht einmal zwei. Und alle Angst, die ich hatte, verblich angesichts seiner Unschuld. Ich verfluchte das System und unser Land, das uns als erstes hierher gebracht hatte. Nachdem wir vollzählig waren, hielt ein großer Viehlaster vor uns. Innerhalb von Minuten war er vollgestopft mit den 120 Flüchtlingen, die sich aufeinander stapelten. Für gute fünf Stunden wurden wir durch die unebenen Straßen hin und hergeworfen, bis wir schließlich das Ufer erreichten. Mein liebes, liebes Land… Ich wünschte ich wäre gestorben, bevor ich diesen Tag erlebte. Der Viehtransporter hielt, wir rannten nach draußen und rangen nach Luft, wir dachten, unser Boot sei bereit. Aber nein, wir mussten an diesem gottverlassenen Ort für mehr als zehn weitere Stunden bleiben. Hungrig, durstig und schwach. Und als schließlich das Boot ankam, wollte jeder gleichzeitig dort sein. Schließlich war dies der einzige Weg nach draußen, weg von den Tyrannen in unserem eigenen Land und weg von den Misshandlungen dieser Fremden. Dann wurden wir auf das Meer hinausgeworfen, meine Augen waren nur auf den kleinen Jungen mit seiner Mutter und seinem Vater gerichtet, der gleichzeitig der Kapitän dieses Bootes war. Bei dieser Art von Booten ist es üblich, dass der Kapitän einer von den Flüchtlingen ist. Nach einer halben Stunde auf See konnten wir langsam die Inseln, auf die wir zufuhren, deutlicher erkennen. Dann wurden plötzlich die Wellen auf einmal höher, dann wurden sie stärker und das Wasser kam ins Boot. Das Kind hatte Angst bekommen, die Frauen hatten begonnen zu schreien und der Tod kam auf uns zu. Was hast du uns angetan, mein Land.

Glücklicherweise erreichte uns rechtzeitig ein türkisches Rettungsschiff, das uns vor dem unmittelbar bevorstehenden Tod bewahrte, was gleichzeitig bedeutete, dass es uns von unserem Traum wegriss, in das sichere Europa zu kommen. Sie brachten uns in dieselbe Stadt, aus der wir fortgerannt waren, damit wir dort einen anderen Typ trafen, der wiederum versuchte, uns einen anderen Platz in einem anderen Boot zu verkaufen, dieselbe Angst, dasselbe Leiden, derselbe Schmerz. Dieses Mal jedoch erreichten wir ein griechisches Ufer. Dieses Mal sah ich ein Glitzern von Hoffnung und Sicherheit in den Augen des Jungen, was, wie ich nicht verhindern konnte, mich zum Lächeln brachte. Geschrieben von mir und inspiriert von meiner Reise.

Ahmad mohammed.

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Tobias Meier

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